MOSKOVSKAYA INTERVIEW IM OX #89
Aus der schwäbischen Provinz stammen MOSKOVSKAYA. Und wenn man den gemeinen Schwaben wegen gewisser Charaktereigenschaften belächelt, muss man an Posaitivem doch entgegenhalten, dass sie ausdauernd, diszipliniert, fleißig, verlässlich und zäh sind. Das gilt dann wohl auch für diese Jungs, schließlich stammen sie aus jener deutschen Ska-Ära, als es noch angesagt war „Ska“ im Bandnamen zu tragen. Viele Bands sind seitdem gekommen, viele gegangen, aber MOSKOVSKAYA sind immer noch da, seit 20 Jahren. Anlässlich ihrer Jubiläumsveröffentlichung „20 Jahre“ und als Veranstalter des im April anstehenden jährlichen Querbeat-Festivals in Unterwaldhausen habe ich Manfred „Manne“ Schlagenhauf, Bassist und Bandmitglied der ersten Stunde, ein paar Fragen geschickt.

Welches Modehaus kleidet euch mit diesem feinen Zwirn ein, mit dem ihr euch auf der Bühne und auf den Pressephotos ablichten lasst?
Leider ließ sich bis dato kein Modehaus finden, das uns ausstatten würde. Wir bestellen die Klamotten irgendwo im Internet, müssen halt billig sein. Apropos feiner Zwirn, es war schon fast ein Ding der Unmöglichkeit für die Fotoaufnahmen die Teile sauber zu bekommen. Unser Fotograf hat die letzten Flecken dank moderner Bildbearbeitungsprogramme entfernen können. Immer nach dem Motto: Außen hui, innen pfui.

Neue Garderobe, neue CD, neuer Sänger zum 20-jährigen Bestehen. Was darüber hinaus ist/war notwendig, dass sich MOSKOVSKAYA trotz Umbesetzungen seit bereits zwanzig Jahren hielt?
Bei 8,9 Leuten sind immer welche dabei gewesen, die wieder Energie in die Band steckten, wenn es mal nicht so gut lief. So haben wir uns über die Jahre gehangelt.

Andere Bands protzen bei so einem Jubiläum mit DVD, CD-Bonus-Paket mit Live- und Demomaterial… - Warum gebt ihr euch mit einer 5-Track-CD fast schon bescheiden?
Wir sind ja nicht die Band, die jedes Jahr ein Album raushaut. Darum sind wir trotzdem sehr zufrieden mit der CD und sind happy, dass alles noch vor dem Jubiläum geklappt hat. Das Doppelt spannende war, dass es die erste Studiosession mit unserem neuen Sänger war. Man könnte bei so einem Jubiläum auch zurückblicken, ist aber nicht unser Ding. Genau so wenig sind für uns live Aufnahmen interessant. Wer uns live hören will, soll auf unsere Konzerte kommen. Somit haben wir uns auf das Wesentliche konzentriert: 5 neue Songs mit neuer Besetzung und neuem Sänger, basta.

Stattdessen soll es aber 2010 einige Konzerte in Originalbesetzung geben. Wie laufen hierzu die Vorbereitungen?
Das kommt langsam ins Rollen. Die alten Herren sind ausfindig gemacht und bereiten sich mit gezieltem Konditionstraining auf die 1-stündigen Shows vor. Der erste gemeinsame Auftritt wird am 26.03. in Aulendorf sein. Das wird sicher sehr spannend.

Eure ehrbaren Berufe lassen schließen, dass Wodka und Ska immer nur Freizeitspaß waren oder gab es in den zwei Dekaden mit der Band kommerzielle Tendenzen?
Ich verstehe zwar etwas anderes unter ehrbare Berufe, obwohl Kneipenbesitzer ist schon ehrbar. 1997 war für uns ein Jahr, in dem wir uns hätten für mehr entscheiden können, fast 40 Auftritte standen an. Es gab aber keine Diskussion, es war einfach nicht möglich, das durchzuziehen. Die meisten standen am Ende des Studiums oder hatten schon Jobs. Rückblickend bin ich froh, dass es so gelaufen ist, denn sonst würde es die Band zu 99% nicht mehr geben. Wir waren damals wie heute nicht die Typen dazu wochenlang zusammen abzuhängen. Jeder hatte auch noch zig andere Interessen und heute hat fast jeder zweite Familie mit Kindern. Was aber nicht heißt, dass wir die gemeinsame Zeit nicht extrem genießen, aber halt in der Freizeit.

Welche positiven Ereignisse/Erfahrungen in all den Jahren haben euch als Band weiterentwickeln lassen und welche negativen Ereignisse/Erfahrungen haben euch manchmal zurückgeworfen?
Ein schwerer Schock versetzte uns im Jahr 2000 die Fa. Simex, die eine bestimmte Vodkamarke vertreibt, als sie uns mit einer einstweiligen Verfügung untersagte, unseren Bandnamen weiter zu verwenden. Ebenso stand der Streitwert von 500.000,00 DM im Raum. Die Sache kam vor Gericht, ging für uns aber relativ glimpflich aus. Allerdings bekamen wir ein paar seltsame Auflagen und waren einige tausend DM leichter, die wir eigentlich gar nicht hatten.
Für mich persönlich war es in einigen Fällen eine gewisse Enttäuschung, als langjährige Bandmitglieder, mal mehr oder weniger kurzfristig, ihren Ausstieg ankündigten. So ein Ausstieg berührt aber nicht alle Bandmitglieder in gleichem Maß. Ein einschneidender Wechsel stand uns bevor, als Stefan Medel sich verabschiedete, wobei er uns auch heute noch absolut kräftig unterstützt, indem er zuweilen als Überraschungsgast auf unseren Konzerten aufkreuzt und die Bühne entert.
Ein herber Rückschlag war es auch, als unser Labelboss von Nasty Vinyl, Horst, gestorben ist. Sein plötzlicher Tod hat uns schon sehr erschüttert. Zudem waren unsere Aufnahmen zum „Zeit“-Album fertig, und wir hatten kein Label mehr.Somit kommen wir aber zu den positiven Seiten. Nach langer Suche sind wir bei ANR Music untergekommen, was uns wirklich weiter gebracht hat.
Und natürlich sind es solche Highlights wie z.B. Auftritte beim Force Attack oder Mighty Sounds Festival, die einer Band unheimlich Auftrieb geben.

Mit DISTEMPER habt ihr ja bereits in Russland gespielt. Hattet ihr schon mit euren Labelmates von WHAT WE FEEL zu tun? Wie denkt ihr über die Situation in Russland, angesichts Faschos auf Ska- und Hardcore-Konzerten, Morde an Antifaschisten und die Auflösung der Band WHAT WE FEEL durch steigende Repressionen?
Anfang der neunziger Jahre mussten wir uns in Süddeutschland sehr deutlich outen. Es waren immer wieder Nazis auf SKA-Konzerte anzutreffen. Daraufhin haben wir Konzerte abgebrochen, bei denen sich Nazis ins Publikum schlichen. Wir haben zig Benefizkonzerte gespielt und auch wirklich deutliche Texte geschrieben. Was auch wirklich nötig war. Seit Mitte der Neunziger ist das Problem zumindest bei SKA Konzerten gelöst.
2005 hatten wir in Moskau zusammen mit Distemper einen Auftritt gespielt, das war kurz nachdem sie von Nazischlägern überfallen wurden. Die Blessuren waren nicht zu übersehen. In Russland outen sich viele SKA Bands nicht, sie bezeichnen sich als unpolitisch.
Sie akzeptieren Faschos auf den Konzerten. Es könnte durchaus auch die Angst sein, die sie dazu treibt. Vor unserer Reise nach Russland wurden wir von der Antifa gewarnt, es könnte gewalttätige Übergriffe von Nazis geben. Die Agentur hat daraufhin speziell am Eintritt ein Auge darauf geworfen, dass keine Faschisten zu den Konzerten kamen.Bands wie Distemper haben vor Ort in Russland noch sehr viel zu leisten. Leider hatten wir What We Feel nie getroffen.

Ihr seid mit eurem Festival in Unterwaldhausen das schwäbische Pendant zu den TORPEDOS aus Sachsen-Anhalt. Ihr sorgt dafür, dass die deutsche Ska-Festival-Szene mit am Leben bleibt. Ergänzend zum Ska-Pack-Special Vol. 5 über deutsche (Open Air) Skafestivals bitte ich darum, folgende Fragen zu beantworten.

Wie steht ihr zu den TORPEDOS und dem Rosslauer Skafestival?
Ich habe erst spät realisiert dass die Tornados hinter dem Festival in Rosslau stecken. Bis jetzt hatten wir keinen Kontakt miteinander, ich denke, das wird sich demnächst ändern.

Seit wann gibt es Unterwaldhausener Festival, das jetzt Querbeat heisst?
Seit 1994 gibt es das SKA Festival in Unterwaldhausen. Bis 2006 war es ein reines eintägiges SKA Festival. Seit 2007 haben wir das Festival auf 2 Tage aufgestockt und es in Querbeat Festival umbenannt.
Geblieben ist, dass am Freitag die SKA Bands auftreten und am Samstag wild gemischt wird.

Wie fing alles an?
Wir waren ja anfangs selbst immer auf der Suche nach Auftritten,da sind wir auf die Idee gekommen beim Frühlingsfest des Musikvereins im Zelt einen Versuch zu starten.Die Schwierigkeit dabei war, die alten Vorstände davon zu überzeugen, dass es super ist, wenn aus ganz Süddeutschland Punks und Skins anreisen, um in Unterwaldhausen zu feiern.Trotz allen bedenken hat alles ohne Probleme geklappt.

Wer außer der Band organisiert mit?
Veranstalter ist der Musikverein Unterwaldhausen.Für das Bandbooking sind wir zuständig.

Wo genau? Genaue Beschreibung des Veranstaltungsortes!
Unterwaldhausen liegt sehr sehr ländlich, zwischen Ravensburg und Sigmaringen. Das Festivalgelände befindet sich in einem Obstgarten hinter der Kirche. Alles sehr Idyllisch.

Heute habt ihr Sponsoren und namhafte Firmen promoten das Festival. Wie war das ganz am Anfang?
Unser Festival ist zum Glück nicht auf Gedeih und Verderb von den Sponsoren abhängig. Wir versuchen so gut es geht, alles selber in der Hand zu haben, damit wir keine Lohnkosten bezahlen müssen. D.h. wir organisieren für das gesamte Festival das Essen und Catering, wir putzen die Klos, räumen den Campingplatz auf … Es sind alles ehrenamtliche Personen (eigentlich das ganze Dorf), die dem Musikverein unter die Arme greifen.

Wie hat sich das Festival über all die Jahre entwickelt?
Es wurde natürlich immer größer, aber zum Glück in sehr langsamen Schritten. Alle paar Jahre musste das Zelt vergrößert werden. Später kam der Campingplatz dazu.Für Bands wurde ein größeres Budget genehmigt, so konnten wir jedes Jahr eine interessante Mischung organisieren.

Mit wie vielen Besuchern fing alles an, wie viele erwartet ihr in diesem Jahr?
Die Besucherzahl stieg relativ langsam von ca. 600 beim ersten Mal auf bis jetzt ca. 2500 an. Ich hoffe das bleibt so, sonst wird das Festival mit unseren freiwilligen Helfern allein nicht zu bewältigen sein.

Gibt es ein spezielles Motto eures Festivals?
Ein spezielles Moto gibt es nicht. Was immer zutrifft: Abwechslung ist Trumpf.

Was ist das ganz Besondere an eurem Festival?
Ich denke, die Bandauswahl ist schon ziemlich einzigartig.Letztes Jahr traten nach Demented are go die Band La Brass Banda auf, das war wirklich eine krasse Mischung.

An welche Highlights denkst du besonders gerne und wen hättest du gerne mal mit im Festival-Line-Up?
Kurz vor seinem Tod durften wir Desmond Dekker in Unterwaldhausen feiern, das war eine einmalige Stimmung! Wir hätten ebenso gerne die Wailers wie auch Toy dolls oder auch die Mighty Mighty Bosstones (nachdem die sich wieder zurückgemeldet haben)… bei uns in Unterwaldhausen

Zwar sind in diesem Jahr natürlich hauptsächlich Vertreter des Offbeats vertreten, aber Headliner sind die Folkpunks REAL MCKENZIES? Warum kein Skaact? Querbeat??
Headliner ist die Band, die das Zelt zum kochen bringt, das sind sicher mehrere Bands. Ich bin gespannt.

Während für mich Skabands wie BUSTERS, SKAOS und NO SPORTS und etwas später im Skapunk-Sektor DISABILITY oder SCRAPY fruchtbarer Boden für den deutschen Offbeat waren, hat sich das Genre in Deutschland für meinen Geschmack wenig positiv entwickelt. Wie denkt ihr in diesem Zusammenhang über die deutsche Ska- bzw. Skapunk-Szene über den Zeitraum der letzten zwanzig Jahren und welchen jungen deutschen Ska(punk)Bands sollte man in Zukunft eurer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit schenken?
Da bin ich leider deiner Meinung. Die Schweiz, Österreich oder Italien haben da einiges mehr zu bieten, ich denke da mal an Talco, Russkaya, Plenty enuff, Open Season….Es gibt aber schon ein paar Perlen, die mich live immer wieder begeistern. Das sind unsere Nachbarn aus Unterwaldhausen: Bad Shakyn‘, oder auch Area 52, Ziehgeuner….


Und da soll noch einer sagen, in der Provinz passiert nichts. Auf nach Unterwaldhausen!
Simon Brunner
DISTEMPER INTERVIEW IM PANKERKNACKER
Hallo und erst mal herzlichen Glückwunsch zu eurem 20jährigen Bandjubiläum. Habt ihr euren runden Geburtstag denn gebührend gefeiert?
Hallo. Danke für die Glückwünsche. Unsere Feierlichkeiten werden noch etwas ausgedehnt. Bald steht unser 20jähriges Sommerjubiläum an. Das große Jubiläumskonzert in Moskau hat uns so viel Spaß gemacht, dass wir uns entschieden haben einfach ein ganzes Jahr lang weiter zu feiern und uns nicht nur auf unseren tatsächlichen Geburtstag zu beschränken.

Ihr seit ja in Deutschland keine Unbekannten mehr. Aber stellt doch trotzdem mal das aktuelle Line Up vor. Wie lange spielt ihr schon in der aktuellen Besetzung?
Also in der aktuellen Besetzung spielen wir jetzt schon seit Anfang 2006, als da wären Bai am Schlagzeug, welcher noch von der Urbesetzung übrig ist, Lolik am Bass und Vasya an der Posaune welche auch schon recht lange dabei sind, Vitalik an der Trompete, der als letzter zu DISTEMPER stieß und ich, Dazent, bin seit 1992 an der Gitarre und am Gesang.

2009 sind ja mit „The World is Yours“ und „My Underground“ gleich zwei Studioalben von DISTEMPER in Deutschland erschienen. Und wie ich gehört habe, gibt es in Russland schon wieder eine neue Scheibe. Wie schafft ihr es in so kurzer Zeit so viele Alben rauszuhauen?
Wir haben in den letzten Jahren eigentlich immer jährlich ein Album aufgenommen. Dass hat sich für uns als recht guter Rhythmus herausgestellt. Wenn wir Ideen für einen Song haben, dann setzen wir die auch recht schnell um und experimentieren dann nicht mehr so viel. Meist sind die ersten Ideen, die aus dem Bauch heraus entstehen eh die besten. Und nach all den Jahren wissen wir halt was wir drauf haben und was uns gefällt. Wenn sich dann wieder ein paar Songs angesammelt haben, dann wollen wir die auch veröffentlichen und nicht mehr endlos lange darüber brüten. Die Songs entstehen ja auch in einer bestimmten Phase mit bestimmten Einflüssen, die uns gerade prägen. Wenn man die Songs dann nach einem Jahr noch mal bearbeitet verlieren sie auch einiges an Intention und Ursprünglichkeit. Die Alben „The World is Yours“ und „My Underground“ sind ja in Russland bereits 2007 und 2008 erschienen. Die Veröffentlichungen in Europa kommen immer zeitlich etwas verzögert. Was zum einen daran liegt, dass die Texte übersetzt werden müssen und das sich unser Label in Europa (ANR music&more) auch immer was ganz spezielles einfallen lässt, was das Artwork anbelangt. Mit unserem straighten Veröffentlichungsrhytmus setzen wir die Jungs von ANR da natürlich auch ganz schön unter Zeitdruck. Im November 2009 erschien in Russland bereits ein weiteres Album „All or Nothing“, welches dann voraussichtlich im Sommer 2010 in Europa erscheint.

Wie verkaufen sich eigentlich eure Alben in Russland? Und macht sich das Internet auf die Verkaufszahlen bemerkbar?
Natürlich macht sich auch bei uns das Downloaden von Internetplattformen auf die Gesamtzahl der verkauften CD's bemerkbar. Allerdings hängen die Einnahmen bei Bands abseits des Mainstreams eh kaum von den Tonträgerverkäufen ab. Das meiste Geld spielen wir auf Konzerten ein. Deshalb bedrückt uns das nicht so sehr. Da kann das Internet ja auch hilfreich sein, um neue Fans zu gewinnen, die sonst nie eine CD von DISTEMPER gekauft hätten. Und die eingefleischten Fans kaufen die CD ja trotzdem auf unseren Konzerten, auch wenn sie die Songs schon längst aus dem Internet haben. Es ist halt immer noch was anderes einen physischen Tonträger mit Cover und Booklet in den Händen zu halten. Deshalb freut mich auch, dass in letzter Zeit Vinyl wieder eine kleine Renaissance in Russland erlebt. Vor einigen Jahren war die Vinyl Platte in Russland fast schon ausgestorben.

Spielt irgendjemand von euch noch in anderen Bands? Und in welchen Bands habt ihr vor DISTEMPER so gespielt?
Wir sind eine ausgesprochene Liveband und sind viel unterwegs, da ist es zeitlich eigentlich kaum möglich noch in anderen Bands zu spielen. Bai hatte neben DISTEMPER auch mal für ein paar Jahre bei PURGEN Schlagzeug gespielt. Aber seit einigen Jahren haben die Mitglieder von DISTEMPER keine weiteren Projekte am laufen. Vor DISTEMPER spielten jedoch alle in anderen Punkbands oder sogar im Orchester. Ja, ja, DISTEMPER vereint da sehr unterschiedliche Charaktere.

Angefangen habt ihr ja als Hardcoreband. Wie seit ihr dann eigentlich zum Ska gekommen? Gibt es bestimmte Bands, die euch beeinflusst haben? Was hört ihr privat so für Mucke?
Zu unserer Anfangszeit mochten wir vor allem Hardcore und haben deswegen mit dieser Musik angefangen. Mit der Öffnung nach Westen schwappten auch immer mehr andere Musikstile nach Russland rüber. Vor allem Ska hat uns da dann sehr interessiert. Das war als gerade die dritte Welle des Ska begann und auch Ska-Punk sehr populär wurde. Natürlich haben uns Mitte der 1990er Jahre vor allem amerikanische Bands wie MIGHTY MIGHTY BOSSTONES oder VOODOO GLOW SKULLS beeinflusst. Jetzt hören wir alle eigentlich recht verschiedene Musikrichtungen. Aber für mich ist nach wie vor Punk die bestimmende Musik in meinem Leben. Aber selbst Punk ist ja mittlerweile recht breit gefächert.

Eure Texte sind ja auf Russisch. Viele eurer Fans in Deutschland dürften des Russischen ja nicht mächtig sein. Erzähl doch mal kurz um was es in euren Texten so geht.
DISTEMPER hatten in ihren Texten von Anfang an eine positive und lebensbejahende Richtung. Ganz im Gegenteil zum sonst als so schwermütig bezeichneten russischen Gemüt. Ich schreibe sehr gerne Texte die auf realen Begebenheiten basieren. Das können persönliche Erlebnisse sein oder auch gesellschaftliche und politische Ereignisse, die gewisse Empfindungen in mir auslösen. Ich denke, wenn die Texte auch ein Stück weit persönlich gehalten sind, können sich andere Leute da leichter selber wieder finden oder sich selber auf einer persönlichen Ebene damit auseinander setzen. Die Menschen führen sehr unterschiedlich Lebensweisen und haben unterschiedliche Charaktere. Aber wenn ein Song andere Menschen dazu bringen kann Dinge auch von einer anderen Seite zu betrachten, dann ist es ein guter Song mit einem guten Text.

Wie seit ihr auf die Idee gekommen, auf euren Konzerten jemanden im Hundekostüm tanzen zu lassen? Ist es im Kostüm nicht furchtbar heiß? Zumindest stinkt er schon ziemlich nach Schweiß, wie ich mitbekommen habe. Wie viele Leute haben diesen Job schon übernommen?
Mit der Hundemaske auf dem Kopf zu tanzen ist eine echt schweißtreibende Angelegenheit. Das ist wirklich nicht einfach und es gibt kaum jemanden, der dass über mehrere Jahre gemacht hat. Deshalb müssen wir immer wieder junge sportliche Männer rekrutieren, die den schwersten Job innerhalb der Band übernehmen wollen. Da Distemper ja eine Hundekrankheit ist, die auch mit einem Gestank von Schweiß und Verwesung einhergeht, hilft die nach Schweiß stinkende Hundekopfmaske dem Tänzer sich ganz in die Rolle des wilden und stinkenden Tiers einzuleben. Der, für viele Außenstehende, unangenehme Geruch der Maske hat also den einzigen Zweck eine wirklich authentische Show abzuliefern.

Wie ist euer Bekanntheitsgrad in Russland? Wie viele Leute kommen so auf eure Gigs? Ist es in einem so riesigen Land, indem es immerhin 11 Zeitzonen gibt, überhaupt möglich, überall bekannt zu sein?
Das wir auch bis nach Irkutsk, an den östlichen Rand Russlands gekommen sind, zeigt doch, dass es möglich ist. Der Zeitunterschied zu Moskau beträgt fünf Stunden. Aber ansonsten gibt es da eigentlich keine großen Unterschiede. Die Konzerte in auch abgelegenen Regionen Russlands sind meistens auch gut besucht und die Fans kennen unsere Lieder bereits. Aber wir sind jetzt ja auch schon seit 20 Jahren präsent, da hat eigentlich jeder schon mal was von DISTEMPER gehört, der sich mit Punk oder Ska beschäftigt. Und das Internet hat uns dabei natürlich auch sehr geholfen, das darf man auch nicht unterschlagen.

Wie ist das in so einem großen Land mit dem Touren? Wart ihr schon in allen Ecken Russlands?
Wir waren eigentlich schon überall in Russland wo man auftreten kann. Aber es gibt natürlich auch noch große weiße Flecken auf der Karte, wo es bis heute nicht möglich ist Punkkonzerte zu spielen. Es gibt da einfach nicht die Clubs und Orte und die Massenmedien unterstützen die Musik ja auch nicht gerade. Für eine Band wie DISTEMPER kann man auch schon mal Werbung im Radio und in Zeitungen machen, aber junge unbekannte Bands haben in manchen Gegenden keine Chance und es fehlt teilweise auch an Leuten, die d.i.y.-mäßig selber einfach mal was auf die Beine stellen. Da besteht noch enormer Entwicklungsbedarf. Es gibt aber auch noch ein weiteres Problem was große Touren durchs Land fast unmöglich macht. Das sind die riesigen Entfernungen zwischen den Städten und die miserablen Straßenverhältnisse. Mit einem Bandbus kommt man da nicht weit. Also muss man aufs Flugzeug oder den Zug umsteigen, was aber recht kostspielig ist. Selbst Strecken im Westen Russlands, z.B. zwischen Moskau und St. Petersburg, werden von den meisten Bands mit dem Zug absolviert.

Erzählt uns doch mal ein wenig über die Ska- und Punk-Szene in Russland. Welches sind die aktuell angesagtesten Bands, gibt es Fanzines und in welchen Städten und Clubs geht am meisten der Punk ab?
Die Szene ist eigentlich in einem kläglichen Zustand. Natürlich gibt es viele Bands, aber es gibt kaum eine Vernetzung. Die meisten haben kaum Informationen, die über das Internet hinausgehen. Es gibt leider auch kaum Fanzines und wenn dann sind sie oft schlecht gemacht. Natürlich ist es in Moskau, St. Petersburg, Nishnij Nowgorod oder Jekatarienburg besser, aber fast alle hauptstädtischen Musiker sehen auf die Provinzen von oben herab und so verschlechtert sich der ohnehin schon schlechte Zusammenhalt in der Szene noch mehr. Und es gibt kaum noch Ethusiasten. Fast jede neue Gruppe will sofort das große Geld verdienen und hat nicht mehr den Spirit den Punk oder Ska haben sollten. Da hat sich der Geist des Turbokapitalismus in den jüngeren Generationen schon etabliert. Und genauso ist es bei vielen Clubs. Es sind oft normale Rockclubs oder Diskotheken, wo Punk- oder Skakonzerte stattfinden. Und diese Clubs sind natürlich in erster Linie an ihrem Profit interessiert. Unabhängige Jugendzentren oder d.iy. Veranstaltungsorte wie ihr sie in Deutschland habt gibt es bei uns nicht. Von daher lohnt es nicht bestimmte Clubs hervorzuheben. Es hängt viel mehr davon ab, ob die Band, die hier oder dort spielt, einen interessiert oder nicht.

In Russland sollen sich ja auch auf Skakonzerten Nazis rumtreiben. Ihr habt von Anfang an gegen die rechten Tendenzen in der russischen Szene gearbeitet. Gleichzeitig ist das für junge Bands heute schwierig, vielleicht sogar unmöglich, ohne blutige Konzerte zu riskieren. Welche Chancen seht ihr für den jüngeren Teil der Szene dieser Tendenz ein Ende zu machen?
Wir sind vielleicht eine von maximal einer handvoll Skabands, auf deren Konzerten man wohl keinen Nazis begegnet. Allerdings war das bei uns ein langer Prozess, wir haben immer wieder deutlich gemacht, dass wir keine Nazis auf unseren Konzerten haben wollen und wenn wir doch welche bemerkten, dann haben wir das Konzert abgebrochen und veranlasst, dass die Nazis verschwinden. Jüngeren Bands kann ich nur raten von Anfang an deutlich Stellung zu beziehen und genau darauf zu achten, mit welchen Bands man zusammenspielt, damit die Band nicht in rechten Kreisen beliebt wird. Denn wenn die Bastarde erst mal da sind, wird man die nicht mehr so schnell los. Leider wagt diesen Schritt kaum eine Band, da dies auch bedeuten wurde, dass man vor viel weniger Publikum auftritt. Und Erfolg ist den jungen Bands meist wichtiger als eine klare politische Aussage hinsichtlich Faschismus und Rassismus. Für die Ska-Szene sehe ich da in naher Zukunft leider keine Besserung. Allerdings haben sich in der (linken) Skinheadszene und im Hardcore viele junge Bands mit einer klaren politischen Message etabliert, weshalb wir oft auch mit solchen Bands zusammen die Bühne teilen, anstatt mit anderen Skabands zusammen zu spielen.

Wo sollte man auf jeden Fall hin, wenn man das erste mal nach Russland reist? Und wie findet man raus, ob irgendwo Punk- oder Ska-Konzerte stattfinden?
Sowohl kulturell als auch im Punkrockbereich sind Moskau und St. Petersburg wohl die besten Adressen. Es gibt in Moskau oder St. Petersburg z.B. auch Shows mit Bands wie NOFX oder REEL BIG FISH. Aber diese Konzerte finden meist in großen kommerziellen Clubs statt und die Eintrittspreise sind sehr hoch. Zum Glück gibt es aber auch einige wenige Leute, die auch gute aber weniger bekannte Bands aus dem Ausland nach Russland holen. Am besten ist es, wenn man so eine Show besucht, da dort auch meist gute russische Bands als Support spielen. Natürlich kann man auch ein Konzert mit nur russischen Bands besuchen, aber da besteht dann immer die Gefahr, dass von fünf Bands gerade mal ein oder zwei Bands etwas taugen. Um rauszubekommen, wo überhaupt Konzerte stattfinden, sollte man sich auf entsprechenden russischen Webseiten zurechtfinden können oder Bekannte haben, die sich in der Punk- oder Skaszene auskennen. Die meisten Internetseiten sind leider für nicht-russischsprachige Leute nicht zu verstehen. Hin und wieder werden für ein Konzert auch mal illegal Plakate verklebt. Aber die hängen nur sehr kurze Zeit.

Warum denkt ihr, dass nach wie vor so wenig russische Bands in den westeuropäischen Ländern auf Tour sind? Könnte es vielleicht daran liegen, dass es für russische Bands in manchen Regionen ihres Heimatlandes schwer ist, sich etwas als Band aufzubauen und sie erst gar nicht ans Touren denken können?
Wie schon angedeutet gibt es in Russland leider keine so gut funktionierende Undergroundszene wie in Deutschland. Das macht es für junge Bands natürlich schwieriger sich etwas aufzubauen. Besonders, wenn sie selber nicht über die finanziellen Mittel verfügen oder über Geldgeber. Die Entfernungen in Russland sind riesig und die Straßen äußerst schlecht und die Preise für einen Minivan oder Bus sind sehr hoch. Da halten viele Bands einfach nicht lange durch. Und die Musiker müssen sich ja auch um ihr Leben kümmern. Brauchen was zu Essen und ein Dach über dem Kopf. Viele, auch gute Musiker, hören dann ganz auf Musik zu machen. Und so kommt es dann auch, dass es nicht so viele qualitativ auf hohem Niveau spielende Bands gibt. Und für die wenigen wirklich guten Bands ist es trotzdem schwer sich in Europa zu behaupten. Verstärkt wird dieser Effekt in den letzten Jahren auch dadurch, dass viele ausländische Bands mittlerweile in Russland auftreten. Das bereichert natürlich die Szene, aber macht es für junge Bands auch wieder etwas schwieriger sich Gehör zu verschaffen. Und manchmal habe ich auch den Eindruck, dass sich Bands, die sich in Russland etwas aufgebaut haben, scheuen diese Mühen und Kosten noch mal zu investieren, um auch in Europa Fuß zu fassen. Mit DISTEMPER haben wir bestimmt die ersten fünf Jahre die wir in Europa unterwegs waren immer gerade so unsere Unkosten decken können und auch heute noch zahlen wir in einigen Ländern, z.B. in Osteuropa, bei den Konzerten noch drauf.

Wie groß ist denn zur Zeit das Naziproblem in Russland? Kann man sich als Punk überall frei bewegen oder ist das zu gefährlich? Ist es als Punk aus Europa ratsam in seinem Punkoutfit unterwegs zu sein?
Im Alltag auf den Straßen in seinen Punkklamotten zu gehen, so wie es in Europa üblich ist, kann sehr gefährlich werden. Du wirst so schnell zur Zielscheibe von Nazis. Sei es in der Metro oder auf den Straßen. Und wenn sie dich mal haben, gehen sie nicht zimperlich mit dir um. Sicherlich habt ihr schon von den gezielten Morden an Punks und Antifaschisten gehört. Das Naziproblem ist leider sehr akut. Und im Land hat die Propaganda vom Patriotismus wahnsinnige Maßstäbe erreicht. Und viele verstehen Patriotismus als „Russland für Russen“. Rassisten findest du in Russland nicht nur bei den Naziskins, sondern auch viel unter Fussballfans und einfachen Menschen. Alltagsrassismus und Nationalismus entwickeln sich in nahezu jeder Familie.

Vor kurzem gab es in Russland wieder einmal einen Mord an einem Antifaschisten (Kostolom). Was ist da genau passiert?
Sie haben Kostolom am Eingang seines Hauses mit zwei Schüssen in den Hinterkopf getötet. Erschreckend daran ist, das sie von der Schusswaffe Gebrauch machten und ihre Opfer gezielt auswählten. Kostolom war einer der führenden Persönlichkeiten der antifaschistischen Skinheadszene und es war bereits der vierte Anschlag auf sein Leben. Das sagt eigentlich schon alles wie die Nazis zur Zeit in Russland drauf sind.

Aktuell haben auch viele Bands aus dem Punk- und Hardcorebereich in Russland Probleme mit der Polizei und den Geheimdiensten, weil sie wie WHAT WE FEEL etwa als extremistische Band eingestuft sind. Macht sich das auch bei DISTEMPER bemerkbar oder habt Ihr da keine Probleme mit?
Ungeachtet unseres Bekanntheitsgrades sind wir nach wie vor eine unerwünschte Band in Weißrussland. In Russland versuchen Nazis hin und wieder bei unseren Konzerten zu provozieren, in dem sie z.B. eine Bombendrohung gegen den Veranstaltungsort abgeben. Das ruft dann die Sondereinheiten auf den Plan und die räumen dann den Club. Bei Bands wie WHAT WE FEEL will die Miliz die Konzerte verbieten um Ausschreitungen mit Nazis zu verhindern. Es ist traurig das die Staatsmacht lieber schnell Veranstaltungen verbietet, anstatt gegen die Nazis vorzugehen. Bei WWF kommt hinzu, dass sie von dem neuen Anti-Extremismus Paragraphen betroffen sind. Der Paragraph zielt nämlich nicht nur gegen Terroristen und Neonazis, sondern auch gegen jegliche oppositionelle Bewegungen, was die antifaschistische Bewegung mit einschließt. Als eine der bekanntesten antifaschistischen Bands Russlands haben sie damit kaum noch die Möglichkeit Konzerte zu spielen.

Russland hat eine lange Tradition was Widerstandskulturen und anarchistisches Denken angeht. Schnell fallen einem Denker wie Bakunin und Kropotkin ein. Bezieht sich die Szene in Russland noch auf diese Vorreiter? Wenn ja, auf welche Weise? Inwiefern beeinflusst euch die Reiche Tradition Russlands?
Heute bezieht sich nur ein kleiner Teil der Hardcore und Punkszene auf die Schriften von Bakunin und Kropotkin. Ich bin überzeugt, dass der Großteil der jungen Musiker in Russland diese anarchistischen Ideen und die Namen mit denen diese Verbunden sind gar nicht kennt. Die Kultur des Widerstandes ist seit langem verloren gegangen. Heute protestieren nur noch wenige Personen und Gruppen gegen die bestehenden Verhältnisse. Der Großteil der Punkszene in Russland ist eine stumpfe amorphe Masse von Idioten, die davon träumen Millionen wie GREEN DAY oder NOFX zu verdienen oder die ihre Seele an den Alkohol verkauft haben.

Wie ist in Russland so das Preisniveau? Was muss der Punk so für seine Freizeitgestaltung investieren? Wie viel kosten beispielsweise Punk- und Skakonzerte, Tonträger und Bier und Vodka?
In Moskau ist das Preisniveau sehr hoch. Für Bier reicht es allerdings immer. Zur Not wird halt das billige getrunken. In anderen Städten sind die Preise etwas gemäßigter. Tatsächlich ist es nicht so schlecht und es gibt fast für jeden die Möglichkeit irgendwo Geld einzusparen um zu einem Konzert zu gehen. Je nach Anzahl und Qualität der Bands kosten Konzerte zwischen 4 und 10 Euro. Karten für NOFX kosteten aber bis zu 65 Euro.

Ihr wart ja auch viel in Deutschland und dem europäischen Ausland unterwegs. Gibt es in Russland eine vergleichbare DIY-Punk-Szene wie ihr sie in Deutschland kennen gelernt habt? Was sind die größten Unterschiede zur Szene in Deutschland?
Wie ich schon gesagt hatte, ist die Szene in Russland eher unterentwickelt und kaum vernetzt. Die Unterschiede zu Deutschland sind doch sehr groß. Gerne hätten wir hier richtige Punkclubs, AJZ's oder besetzte Häuser in denen man auftreten und sich treffen kann. Die d.i.y. Szene in Russland wird nur von wenigen Aktivisten getragen und ist dementsprechend klein. Wenn sich mit irgendwas kein Geld verdienen lässt, dann findet sich in Russland auch keiner der es macht.

Eure Bandgründung fiel ja in das Jahr 1989. Da habt ihr euch wohl ziemlich genau in der Zeit des Umbruchs gegründet. Wie habt ihr damals Glasnost und Peristroika und die Gorbatschow-Ära erlebt?
Als wir mit Musik angefangen haben war uns eigentlich alles um uns herum scheißegal. Natürlich brachte der Fall des eisernen Vorhangs auch den Strom der Musik nach Russland, was uns musikalisch maßgeblich beeinflusste. Bis zu Gorbatschow wurde unabhängige Musik unterdrückt und nicht genehme Musiker verfolgt. Und jetzt hat sogar der Präsident Medwedew dem ganze Land verkündet, das er auf DEEP PURPLE steht.

Wie war es als Punk in der Sowjetunion zu leben? Gab es zu Sowjetzeiten Punk- oder Skabands?
Punkbands in Russland gab es schon lange. AUTOMATITSCHSKIE UDOVLETVORUTELI, CHUDO YODO oder GRASCHDANSKAYA OBORONA. Sie waren Punk im Geiste, aber der Musikstil unterschied sich schon von dem Punk in Westeuropa. Heute würde das keiner mehr als Punk bezeichnen. Aber Dank solcher Bands hat sich sogar unter dem Verbot eine kleine unabhängige Musikszene entwickelt. DISTEMPER haben 2003 mit „Nam po...“ ein Tribute Album an diese Bands aufgenommen, auf denen wir die alten Songs der Bands die viel für die Punkszene in der UdSSR getan haben im DISTEMPER Style gecovert haben. Ska Bands gab es zu SU Zeiten und auch einige Jahre nach der Wende in Russland nicht. Es war die Band STRANNUIE IGRUI, die mit MADNESS zum ersten mal eine Skaband coverten. Aber dies war nur eine kleiner Teil ihres Programms. Neben SPITFIRE aus St. Petersburg, gelten DISTEMPER als die Pioniere des Ska in Russland.

Was haltet ihr von Eugene Hütz, dem Sänger von GOGOL BORDELLO? Immerhin inszeniert er sich schon seit einiger Zeit als der inoffizielle Botschafter der musikalischen Kultur Osteuropas/ der Ukraine und Russlands... und wir dummen Deutschen denken häufig zu erst an seine Band wenn es um Musik aus dem „Osten“ geht...
GOGOL BORDELLO ist eine typische Band von Emigranten aus Osteuropa. Aber in der Ukraine oder in Russland wirst Du solche Bands nicht finden. Diese Bands und ihre Art von Musik, die viele folkloristische Elemente aus verschiedenen Kulturen mixt findet man mehr im Ausland als in Russland. Ich mag die Band sehr und ich schätze was der Sänger auf die Beine gestellt hat. Aber damit die Deutschen nicht denken, dass es in Russland nur solche Bands gibt, kommen wir ja jedes Jahr wieder zu euch auf Tour.

Wie steht ihr eigentlich zu der aktuellen russischen Politik von Putin und Medwedew? Hat sich nach der Wahl von Medwedew etwas geändert oder ist Medwedew nur eine Marionette Putins?
Eine große Veränderung hat es eigentlich nicht gegeben. Vielleicht ist MEDWEDEW außenpolitisch etwas offener. Erfreut war ich als sich die Chefetagen des Innenministeriums austauschten. Für die Punkszene und im normalen Leben hat aber auch das nichts gebracht. Die Miliz und die Behörden halten Punkmusik weiter für Verwerflich und legen Steine in den Weg wo sie nur können.

Was denkt ihr über die Haltung Russlands gegenüber Georgien und Tschetschenien? Was ist eure Meinung zu diesen zwei Konflikten?
Ich bewerte alle militärischen Konflikte negativ. Es gibt halt bestimmte Leute für die Kriege Profite bringen und für die Krieg ein Business ist. Und diese Leute sind daran interessiert Konflikte am Laufen zu halten, indem sie auf beiden Seiten für Unruhe sorgen. So ist es auch in diesen Fällen. Im Endeffekt leiden immer die einfachen Menschen darunter.

Über ANR music&more seit ihr 2002 zum ersten Mal nach Westeuropa gekommen. Wie ist der Kontakt zu ANR zustande gekommen? Wie war diese erste Tour durch Deutschland und Österreich? Und hat sich im Vergleich zu den jetzigen Touren in Westeuropa viel geändert?
Das kennen lernen war mehr zufällig und irgendwie Schicksal. Rückblickend können wir sagen, dass es Glück war gerade mit ANR in Kontakt zu kommen. Die erste Tour in Europa hat unser ganzes Leben verändert. Damals war es für uns eine neue und unbekannte Welt. Heute kommen wir nach Europa in eine Welt voller Freunde und Bekannter und Leute die verstehen was wir machen. Auf der ersten Tour sind wir mit alten Bussen und PKW's gefahren und haben teilweise vor 20-30 Leuten gespielt. Aber das war für uns nicht wichtig. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Auf den ersten Touren haben wir auch noch viel mehr Sightseeing gemacht. Mittlerweile haben wir in manchen Städten schon 8-9 mal gespielt. Es ist jetzt auch alles etwas professioneller und zu unseren Konzerten kommen auch wesentlich mehr Leute. Viele russische Punkbands wünschen sich solch ein Schicksal. Aber es wird wohl leider eher die Ausnahme bleiben, dass eine russische Punkband derart erfolgreich ist in Westeuropa.

In welchen Ländern habt ihr überall gespielt? Was sind so Eure Lieblingsauftrittsorte?
Unsere Lieblingsorte sind immer dort wo die Leute die Leidenschaft für unsere Musik teilen, egal ob großer Club, kleines Jugendzentrum oder Festival. Und diese Orte werden von Jahr zu Jahr mehr. Neben Russland fühlen wir uns in Deutschland besonders wohl. Insgesamt haben wir glaube ich in 15 Ländern bis jetzt gespielt, aber ich kann mich bei weitem nicht an alle Städte erinnern.

An welche Bands, mit denen ihr zusammen gespielt habt, erinnert ihr euch gerne? Mit welchen Bands außerhalb Russlands seit ihr befreundet?
Dank unserer Touren in Europa hatten wir die Möglichkeiten mit vielen Größen der Szene die Bühne zu teilen oder sie auf Festivals zu sehen. Wir haben unser Leben lang die CD's dieser Bands gehört und plötzlich spielen wir in dem selben Club oder auf dem selben Festival. Hervorzuheben sind hier natürlich das Force Attack Festival und das Potsdamer Ska Fest. Und wir erinnern uns sehr gerne an die Ska-Punk United Tour 2006 als wir mit SKANNIBAL SCHMITT, MAD MONKS und JAN feat. UDSSR unterwegs waren. Und mit jeder Tour lernen wir neue Bands und Freunde kennen. Eine enge Freundschaft haben wir auch zu moskovSKAya, auf deren Festival wir letztes Jahr gespielt haben und die auch schon mit uns in Russland zusammen gespielt haben.

Was darf man 2010 von DISTEMPER erwarten? Gibt es wieder eine Tour in Deutschland? Wird euer aktuelles Album „All or Nothing“ auch wieder bei ANR music&more in Deutschland erscheinen?
2010 werden wir im Sommer für 2,5 Wochen nach Europa kommen. Nach der letzten Tour im Dezember mit Eis und Schnee freuen wir uns wieder im Sommer unterwegs zu sein. Das passt auch besser zu unserer Musik mit karibischen Wurzeln. Und gespannt sind wir natürlich auch wieder auf die deutsche Pressung unseres Albums „All or Nothing“. Mal sehen was sich die Jungs von ANR dieses mal besonderes in Sachen Aufmachung einfallen lassen.
DISTEMPER INTERVIEW MIT MOLOKO PLUS
Hallo und erst mal herzlichen Glückwunsch zum 20jährigem Bandjubiläum. Wer ist denn vom Orginal Line-Up noch mit dabei und wie lange spielt ihr schon in der aktuellen Besetzung?
Vielen Dank für die Glückwünsche. Die Geschichte von DISTEMPER lässt sich in mehrere Etappen gliedern. Aus der ersten Etappe blieben nur Bai (Schlagzeug) und ich (Gitarre/ Gesang) übrig. Allerdings bin ich auch erst seit dem zweiten Album mit dabei. Aus der Gründungsbesetzung ist lediglich noch Bai übrig. Im Laufe der Jahre gab es immer mal wieder Besetzungswechsel, die Bläser kamen ja auch erst später dazu. Mit der jetzigen Besetzung spielen wir seit vier Jahren zusammen und ich muss sagen es hat noch nie so viel Spaß gemacht, wie mit dem aktuellen Line-Up.

DISTEMPER begannen ja 1989 als Hardcore Band. Wie war denn die Stimmung zu dieser Zeit und was war der Grund eine Hardcore Band zu gründen? Mit welchen Problemen hattet ihr in Russland als Hardcore Band zu kämpfen und habt ihr eigentlich auch ein Album in dieser Zeit veröffentlicht?
Am Anfang waren DISTEMPER eher eine Hardcore-Trash-Metall Band mit Punkeinflüssen. Trash-Metall war 1989 in Russland sehr angesagt und auch wir wollten harte Gitarrenmusik spielen. Nur mit den Texten der üblichen Metallbands konnten wir gar nix anfangen. Die sangen über den Teufel, über märchenhafte Sagen, düstere Gedichte u.s.w. Wir wollten aber eher was positives transportieren. Und diese positive Seite haben wir im Hardcore gefunden. Wir wollten also Hardcore spielen mit Trash Metall Einflüssen und rausgekommen ist vielleicht so was wie Trash Core. Hardcore war zu der Zeit in Russland noch nicht sehr bekannt und viele Leute nervte der harte Sound einfach. Und selbst die Toningenieure in den Tonstudios waren noch irritiert. Die Hauptprobleme mit denen wir als Hardcoreband zu kämpfen hatten war der Stumpfsinn und die Idiotie der Spießbürger und der sowjetischen Beamten. Zum Glück hat die Sowjetunion nicht mehr lange existiert. Wir verspotteten die „Tugenden“ der sowjetischen Gesellschaft und sangen über das, was dem sowjetischen Bürger verboten war zu sagen. Zum Beispiel über die alternde Machtelite und der Genügsamtkeit des Lebens, mit dem sich der sowjetische Mensch in der Realität zufrieden geben musste. Das erste Album von 1991 „Мы сегодня с Баем“ (Heute mit Bai), auf welchem noch Nasatui sang, handelte hauptsächlich vom Protest gegen das sowjetische System und die Willkür der Miliz. Auf dem zweiten Album “Ой ду ду" (???) von 1993, sang dann bereits ich und die Texte waren schon etwas mit Sarkasmus angereichert. Musikalisch war das Album schon um einiges melodischer, aber vom Stil her immer noch Hardcore bzw. Hardcore-Punk.

Wann und warum habt ihr euch dann entschieden Ska-Punk zu machen? Welches war euer erstes Ska-Punk Album und erkläre doch mal den Unterschied zwischen der Hardcore- und der Skaszene zu der Zeit?
Mit dem Fall des eisernen Vorhangs schwappten auch neue Musikrichtungen nach Russland rüber und Ska war eine der Stile die unser besonderes Interesse weckte. Mitte der 1990er Jahre verwendeten viele Bands die melodischen Amipunk spielten Ska-Elemente und wurden damit durchaus populär. Und auch DISTEMPER wollten Ska in ihre Musik mit einbauen. Zum ersten mal verwendeten wir Skaelemente auf unserem 1995er Album "Город" (Stadt). Uns hat Ska-Punk und im allgemeinen die Geschichte der Skamusik sehr interessiert und wir haben wie die Geisteskranken begonnen alle möglichen Informationen über Ska und Ska-Punk zu bekommen. Da damals das Internet noch nicht so verbreitet war, war das gar keine leichte Angelegenheit. Auch ein wichtiger Grund für den Stilwechsel hin zu Ska-Punk waren die Reaktionen des Publikums. Ska als tänzerische Musik in Kombination mit den harten Gitarrenriffs schuf für uns riesige Möglichkeiten uns auszudrücken. Die Musik war positiv, leidenschaftlich und für Russland neu und frisch. So wie DISTEMPER dazu beigetragen haben Hardcore in Russland populärer zu machen, so waren DISTEMPER jetzt auch Pioniere in Sachen Ska und Ska-Punk. Der Hauptunterschied zur Hardcoreszene war die positive Ausrichtung der Musik. Es fiel uns viel einfacher unsere oft fröhlichen Texte zu Ska-Punk zu schreiben im Gegensatz zu der oft harten und böswilligen Sprache die im Hardcore verbreitet ist. Leider ist sowohl die Ska- als auch die Hardcorszene im internationalen Vergleich noch sehr klein. Neben DISTEMPER gibt es vielleicht noch fünf weitere Ska oder Ska-Punk Bands, die die Musikrichtung würdig vertreten. Alle anderen ziehen den Musikstil eher ins lächerliche oder propagieren gar Rassismus und Nationalismus. Viele Skabands ziehen deshalb leider auch faschistischen Abschaum und rechte Hooligans zu ihren Konzerten, zum teils vorsätzlich zum Teil auch einfach aus Bequemlichkeit oder Angst sich deutlich gegen diesen Abschaum zu positionieren, wie es DISTEMPER schon seit Anfangstagen getan haben.

Kannst du die Ska Szene in Russland mal etwas näher beschreiben. Gibt es Besonderheiten an der russischen Skaszene, die sich von denen in anderen Ländern unterscheidet?
Als wir uns dem Ska zuwandten, wusste fast niemand was Skamusik eigentlich ist. Nicht wir Musiker noch die Journalisten als auch das Publikum. Bai hat später, im Zeitraum von 2003- bis 2005 einige Sampler mit Ska und Ska-Punk Bands zusammengestellt und herausgebracht, welche einen großen Einfluss auf die Skaszene hatten. Den größten Boom erlebte die Skamusik in Russland zwischen 2004 und 2006. Persönlich für DISTEMPER gab es jedoch keine Phase die besonders hervorzuheben wäre. Jeder Abschnitt in der Bandgeschichte ist eigentlich wichtig und stellt einen Teil von DISTEMPER dar. Was die Skaszene in Russland von allen anderen wohl unterscheidet, ist ein sehr trauriger Punkt. Es ist wohl einzigartig auf der Welt, dass sich Faschisten der Skamusik bedienen und zu ihrer Lieblingsmusik erklären. Skakonzerte sind leider noch immer oft ein Anziehungspunkt für rechte Hooligans und Nazis. DISTEMPER hatten mit diesem Publikum immer Probleme und erklärten öffentlich, dass sie keine Nazis auf den Konzerten haben wollen. Mehrfach wurden wir dafür angegriffen und haben ordentlich aufs Maul bekommen. Und bis jetzt versuchen Nazis Konzerte von DISTEMPER zu verhindern oder zu stören. Erst gestern haben Unbekannte in Izhevsk bei der Miliz angerufen und eine Bombendrohung gegen das DISTEMPER Konzert abgegeben. Der Club wurde geräumt, mehr als 300 Menschen, teils mit freiem Oberkörper, wurden auf die Straße getrieben und Spezialisten vom Bombenräumkommando durchsuchten ca. 1 Stunde lang den Club. Zum Glück wurde nichts gefunden und das Konzert konnte fortgesetzt werden. Aber solche Zwischenfälle sind keine Seltenheit.

Vor ein paar Jahren wurden DISTEMPER von Nazis angegriffen. Was ist da genau passiert und habt ihr immer noch Probleme mit Nazis auf euren Konzerten?
2005 wurden wir nach einem Konzert in Voronesh auf dem Parkplatz vor unseren Schlafplätzen von rechten Hooligans und Nazis überfallen und zusammengeschlagen. Unser Bus wurde komplett entglast und einige teure Instrumente gingen zu Bruch. Übel erwischt hatte es auch den Veranstalter des Konzerts. Aber die Hauptsache war, das wir alle am Leben blieben. Voronesh ist eine der Faschohochburgen von Russland. Aber wir kommen immer wieder dort hin. 2008 kam es vor unserem Konzert zu Ausschreitungen in der gesamten Stadt zwischen Antifas und Nazis, die sogar in den Russlandweiten Nachrichten Erwähnung fanden, so dass uns sofort Leute aus Moskau und anderen Städten anriefen und nachfragten, ob alles in Ordnung sei. Trotz der Problem werden wir aber immer den Faschisten entgegentreten. DISTEMPER sind wahrlich keine politische Band, aber wenn eine Band wie DISTEMPER nicht seine Popularität nutzt um den Faschismus in Russland einzudämmen wäre das sehr erbärmlich. Wenn nicht die Musiker selbst, wer soll denn dann die Bastarde aus der Szene vertreiben?

Wie sehen denn Touren in einem so großen Land wie Russland aus und in welchen Clubs und Konzertorten ist es denn möglich zu spielen?
Auf Tour sein und Konzerte spielen ist die eigentliche Hauptbeschäftigung von DISTEMPER. Auf der Bühne stehen wir viel lieber als im Studio. Dank unseres Bekanntheitsgrades ist es uns auch möglich in Russland viele Konzerte zu geben. Und da Russland ein sehr großes Land ist gibt es auch unzählige Konzertorte, ob nun in kleinen Städten oder großen Metropolen, es ist eigentlich fast überall etwas möglich. Das einzige Problem sind die großen Entfernungen und die schlechten Straßenverhältnisse. Deshalb ist es eigentlich kaum möglich mit dem Bandbus zu den Konzerten zu fahren. In Russland erledigen wir das fast alles per Flugzeug und/oder Bahn. Das hat natürlich den Nachteil, dass man meist nie mit seiner eigenen Backline spielen kann. Das macht sich dann je nach Veranstaltungsort und deren Equipment auch soundtechnisch bemerkbar. Aber leider haben wir da nicht die Möglichkeiten wie ihr in Europa.

DISTEMPER waren ja schon oft auf Tour in Deutschland unterwegs. Was sind denn die Unterschiede und was die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Ländern.
Der Hauptunterschied ist, dass wir in Deutschland unseren Bandbus benutzen können. Den haben wir uns extra für die Touren in Europa zugelegt. Das ist sehr bequem. Aus den vorher beschriebenen Gründen ist uns das in Russland leider nicht möglich. Ein weiterer Unterschied ist wohl, dass die Leute in Deutschland hauptsächlich wegen unserer Musik kommen. Nur die wenigsten werden was mit unseren russischen Texten anfangen können. In Russland kommen aber auch viele Leute gerade wegen der Texte. Allerdings ist Ska-Punk nun nicht gerade die Mainstream-Musik und nur bedingt kommerziell erfolgreich, deshalb kommen so wohl in Deutschland als auch in Russland eher Fans dieser subkulturellen Musikrichtung und die unterscheiden sich nicht so drastisch. Außerdem gibt es in Deutschland und Europa viele ausgezeichnete Clubs mit einer wirklich guten Infrastruktur und Bandbetreuung. Das haben wir in Russland leider nicht, da spielen wir oft auch in Diskotheken oder Kulturhäusern. Auch spielen wir gern in den Jugendzentren und Autonomen Zentren. Solche selbstverwalteten Freiräume sind bei uns leider gänzlich unbekannt. Und uns ist aufgefallen, dass sich die Veranstalter in diesen Locations oft extra viel Mühe.

Wie hat das eigentlich angefangen, dass ihr durch Deutschland touren konntet? Und wie kam der Kontakt zu eurem Label ANR music&more zu stande?
Wir haben Ben von ANR music&more über unseren alten Kumpel Alex aus Bryansk kennen gelernt. Alex war auch der Mann unter der Hundemaske auf unserer ersten Europatour. Jedenfalls organisierte er für europäische Bands Konzerte in Russland und hatte auch gute Kontakte zu ausländischen Labels mit denen er z.B. auch CD's tauschte. Als Alex und Bai im Urlaub in Deutschland waren besuchten sie dabei auch Ben von ANR. Bai spielte zu diesem Zeitpunkt auch noch Schlagzeug in der Punkhardcore Band PURGEN, von denen ANR gerade ein LP veröffentlicht hatten. Man verstand sich auf Anhieb gut und Ben und ANR fanden auch recht schnell gefallen an DISTEMPER. Eigentlich wollten sie dann auch erst mal nur ein Konzert in Berlin für DISTEMPER veranstalten. Doch als die Tour dann zum dritten mal verschoben werden sollte, da der Tourbooker aus Österreich wohl zu unfähig war, nahm ANR die Organisation der gesamten Tour in die Hand. Das hat super funktioniert, so dass ANR in den folgenden Jahren fast jährlich eine Tour für DISTEMPER organisierten und natürlich auch unsere Platten veröffentlichten.

Gibt es denn bestimmte Highlights von euren Touren durch Deutschland? Habt ihr irgendwelche Lieblingsstädte oder Clubs hier?
In Deutschland haben wir bereits viele Freunde und in vielen Clubs haben wir bereits mehrfach gespielt, so dass wir uns stellenweise schon recht heimisch hier fühlen. Alleine 2004 haben wir über 50 Konzerte mit lediglich einem Day Off gespielt. In Russland gibt es keine unabhängige Band, die solch lange Touren im Ausland absolviert hat. Solche Erfahrungen kann man sich nicht irgendwo anlesen, die muss man einfach machen. Und DISTEMPER sind sehr froh, diese Erfahrungen machen zu können. Sehr gut in Erinnerung sind uns z.B. das 15. Potsdamer Ska Festival geblieben, als wir die Bühne mit solchen Legenden wie DESMOND DEKKER und DERRICK MORGAN teilen durften. Oder auch das Force Attack Festival, auf welchem wir bereits zwei mal spielen durften. Solch ein Punk-Festival in diesem Maßstab ist in Russland einfach unvorstellbar. Aber auch in den meisten kleineren Clubs haben wir uns eigentlich immer recht wohl gefühlt. Persönlich gefällt mir Berlin eigentlich am besten. Wenn man durch die Straßen läuft, merkt man dass es hier eine große Musikszene gibt und ich habe auch noch nirgends so viele Punks oder alternative Leute auf den Straßen gesehen wie in Berlin.

Denkst du, dass es ein Problem ist, dass die meisten Leute in deutschland eure russischen Texte nicht verstehen? Wie wichtig sind für euch denn die Texte?
Die Texte spielen für DISTEMPER, besonders auf den letzten Alben, eine wichtige Rolle. Da die Texte auf den europäischen Pressungen im Booklet aber immer übersetzt sind, sollte es da keine Probleme mit dem Verständnis geben. Leute die sich für unsere Texte interessieren können sich dann die Textübersetzungen halt durchlesen. Natürlich ist das mitsingen auf Konzerten dann etwas schwieriger, aber wir beobachten auch immer wieder Fans im Publikum, die lauthals die Texte oder Fetzen davon mitgröhlen, obwohl sie des russischen nicht mächtig sind. Ich denke, das hat einfach auch was mit der Energie auf den Konzerten zu tun, die da rüberschwappt. Also der Stimmung auf Konzerten tut das keinen Abbruch, dass da nur die wenigsten tatsächlich was verstehen und wer sich dafür interessiert, kann halt die Texte im Booklet oder Online nachlesen.

Ihr seid in Russland ja eine recht bekannte Band. Aber wie ist es denn dort für kleinere Punk oder Ska Bands? Ist es denn einfach für die z.B. eine CD zu veröffentlichen? Auf was für einem Label veröffentlichen denn DISTEMPER ihre Alben?
Der CD Markt in Russland ist seit der weltweiten Finanzkrise regelrecht eingebrochen und selbst für Bands unserer Größenordnung ist es nun schwer ein passendes Label zu finden. Die Labels wollen halt kein Geld mehr vorschießen für Aufnahmen und Promotion. Es gibt aber nach wie vor auch noch die kleinen unabhängigen diy Labels, die auch weiterhin Punk und Hardcore Alben veröffentlichen. Eventuell werden wir unser nächstes Album auch wieder selbst herausbringen, wenn wir kein passendes Label mehr finden. Unser letztes Album kam beim bekannten Moskauer Label A+B Records heraus. Die weitere Zusammenarbeit ist aber noch ungewiss.

Könnt ihr eigentlich von der Musik leben? Oder geht ihr neben DISTEMPER noch einem regulären Job nach?
Bai und ich sind die einzigen in der Band, die tatsächlich von der Musik leben. Da wir die Musik und die Texte schreiben und uns auch um das Booking und die Promoarbeit kümmern, wäre auch einfach keine Zeit für einen normalen Job nebenher. Der Rest der Band geht allerdings noch einer regulären Arbeit nach. Es ist für Bands wie DISTEMPER recht schwer nur von der Musik zu leben und so müssen wir die Band halt so planen, dass auch noch ausreichend Zeit bleibt für einige in der Band ihrer Arbeit nachzugehen. Das ist manchmal schon sehr kompliziert, dass alles zu organisieren, v.a. wenn man doch so viel wie möglich live spielen will. Für die Touren geht dann halt immer der komplette Urlaub drauf...

Habt ihr eigentlich spezielle Pläne wie ihr euer 20jähriges Jubiläum feiert? Ist da irgendetwas größeres geplant?
Zu unserem 20jährigen bestehen, ist geplant ein Tribut to DISTEMPER Album zu veröffentlichen. Viele Bands haben schon Songs von DISTEMPER gecovert, aber es ist wohl noch fraglich, ob wir dafür auch ein Label finden werden. Im September werden wir in Moskau und St. Petersburg spezielle Jubiläumskonzerte geben bei dem auch die meisten ehemaligen Bandmitglieder von DISTEMPER mit auf der Bühne stehen werden. Danach gibt es im Herbst eine Tour durch Russland und im Dezember eine Tour durch Deutschland, Frankreich und Belgien, die alle unter dem Stern des 20jährigen Jubiläums stehen werden. Speziell für diese Konzerte werden wir einige ältere Stücke wieder rauskramen, die wir sonst nicht mehr im Programm haben.

Was darf man in der Zukunft von DISTEMPER denn so erwarten?
Wir haben gerade ein neues Album aufgenommen und hoffen, dass wir dafür bald ein Label finden werden. Ansonsten bringen wir es eben selbst raus. Und natürlich wollen wir immer so viel wie möglich live spielen. Auf ANR music&more kommt im November unser 2008er Album „My Underground“ auf CD und Vinyl raus und neben der Tour im Dezember ist auch schon eine weitere Tour durch Europa im Sommer 2010 geplant. Einige Festivals dafür sind schon bestätigt.

Einige letzte Worte für eure Fans in Deutschland?
Wir hoffen, dass wir das Publikum in Deutschland noch lange mit unserer Musik begeistern können und dass das Interesse an DISTEMPER nach wie vor hoch bleibt. Wir werden uns jedenfalls bemühen die Fans immer wieder aufs neue zu verzücken. Und auch in Russland, wo es keine so ausgeprägte Punk- und Skaszene gibt haben wir ja schließlich 20 Jahre überlebt. Wir freuen uns auf jeden Fall auf die Tour im Dezember und kommen immer wieder gerne zurück nach Deutschland.